Sehen lernen
Die Fotografie hat zwei Aspekte. Der eine ist technisch: Kameras, Objektive, Belichtung. Das Handwerk besteht in der Beherrschung des Werkzeugs. Fotograf*innen verbringen Jahre damit, dieses Handwerk zu verfeinern – die einen besessen von Schärfe, die anderen berauscht von Weichzeichnung und Körnung, als ob dies allein schon ein starkes Bild garantierte. Im Kern aber lässt sich dieser Aspekt vermitteln. Manche haben mehr natürliches Talent als andere, doch mit genügend Übung lässt sich das erlernen.
Der andere Aspekt ist das Sehen – ganz und gar subjektiv, viel schwerer zu fassen. Und er geht allem anderen voraus: Man kann nur fotografieren, was bereits wahrgenommen wurde. Durch Übung weitet und vertieft sich diese Wahrnehmung. Ihre Qualität schlägt sich meist im Bild nieder.
Warum ist das Sehen so viel schwieriger zu schulen als das fotografische Handwerk? Weil es keine mechanische Fertigkeit ist. Wahrnehmung ist eine Funktion der Aufmerksamkeit, der Präsenz – und, so esoterisch das auch klingen mag, letztlich eine spirituelle Qualität. Sie kann kultiviert werden, aber das braucht Zeit. Mit vierzig sieht man anders als mit zwanzig – nicht unbedingt schärfer im technischen Sinne, aber mit einem geschärften Instinkt dafür, was ein gutes Bild zu einem außergewöhnlichen macht.
In meiner eigenen Arbeit variieren die technischen Entscheidungen: manchmal vollständig digital, manchmal ein hybrider Ansatz aus analogen und digitalen Verfahren, manchmal rein analog. Keine dieser Entscheidungen bestimmt jedoch, was ich wahrnehme, bevor der Auslöser gedrückt wird. Ja, das langsamere, meditativere Tempo der analogen Arbeit eröffnet zwar mehr Raum, in dem sich Wahrnehmung entfalten kann – aber gleichzeitig kann dieses langsamere Tempo keine Achtsamkeit erzeugen, die nicht bereits vorhanden ist. Letztlich überträgt die Technik diese ganz persönliche Wahrnehmung auf das Bild – und zieht sich dann zurück.
Kontaktieren Sie mich gerne, wenn Sie ein Projekt haben, bei dem eine kultivierte Wahrnehmung gefragt ist.